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Spurensuche

20. Juli 1944 – 20. Januar 2011

Donald Mounts und Nicole Gruner zu Gast in Zwickau


 

A trip into history – Das Schicksal von James Monroe Mounts

Zusammengefasst und aufgeschrieben von Joachim Blitz

Es ist der 20. Juli 1944, Zwickau in Sachsen.

Gegen 10.45 Uhr erdröhnt plötzlich ein lautes Grollen. Die Luft vibriert, die Erde scheint zu beben.

Dann kann man sie auch schon sehen…

Auf dem Weg nach Leipzig  nähert sich die Bombergruppe 91, bestehend aus unzähligen, viermotorigen Bombern der Typen B-17 „Flying Fortress“ und B-24, begleitet von Jägern der US-Air Force.

Über Zwickau ertönt ohrenbetäubender Lärm. Schüsse fallen, Turbinen heulen auf  - die Hölle bricht los.

Das Jagdgeschwader 300 „Wilde Sau“ der Deutschen Luftwaffe greift mit Maschinen der Typen  Fw 190A7, Fw 190a-8 und Me Bf 109 von hinten den Konvoi an.

Innerhalb von einer halben Stunde werden über 20 Maschinen der Airforce, überwiegend       B -17, abgeschossen und stürzen brennend zu Boden. Die gesamte Bomberstaffel 322 wird dabei fast vollständig aufgerieben.

Kurz nach 11.00 Uhr.

Die Maschine von Pilot Charles T. Welby wird von 4 deutschen Jägern attackiert. Deren Piloten: Staffelkapitän Leutnant  Bretschneider (die „Rote 1“), Leutnant Nehls, Leutnant Kobert und Feldwebel Bauer.

Diesen vier Piloten und drei weiteren (Bollerey, Hartung, Wiegand) gelingt es, innerhalb von nur 10 Minuten 10 B-17 abzuschießen.

Es ist 11.10 Uhr.

Die Maschine von C. Welby wird schwer getroffen und lässt sich nicht mehr steuern.

Lt. Welby und Sgt. Keene versuchen noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.  Die Maschine stürzt in der Nähe der Ortschaft Silberstraße ab. Welby und Keene verlieren dabei ihr Leben.

Die übrigen Mitglieder der Crew können sich noch rechtzeitig  mit dem Fallschirm retten.

Vier Besatzungsmitglieder werden unmittelbar nach der Landung festgenommen und zunächst in ein Militärlazarett nach Hohenstein-Ernstthal gebracht. Später werden sie im Kriegsgefangenenlager STALAG Luft I in Barth interniert.

Nach Kriegsende 1945 kehren sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Nur Einem gelingt es zunächst, sich zu verbergen:   James Monroe Mounts

Der Auftrag

Am 21. Januar 2011 wird Donald Mounts, ein ehemaliger Polizeikollege aus New York, Zwickau besuchen.

Don ist ein Verwandter von James und möchte ein Buch über dessen Geschichte schreiben. Wir wurden nun gebeten, ihn bei den Recherchen zu unterstützen.

Natürlich stimmten wir zu, ohne zu wissen, was zu tun war. Wir hatten sozusagen keinen Plan.

Aber wir sind eine starke Truppe und wachsen bekanntermaßen mit unseren Aufgaben. Warum nicht mal das Haus vom Dach aus bauen…

Also Ärmel hoch und ans Werk. Stecknadeln in Heuhaufen suchen ist schließlich unser Spezialgebiet.

Spurensuche

Die ersten Informationen, die wir hatten:

James ist mit dem Fallschirm am 20.Juli 1944 in einem kleinen Waldstück in der Nähe von Vielau gelandet. Am 22.07.1944 wurde er auf dem Bahnhof in Aue gefangen genommen, dann nach Plauen und später nach STALAG Luft I in Barth gebracht.

So dolle viel war das natürlich nicht…

Später kamen noch einige Informationen nach, aber da waren wir längst ausgeschwärmt.

Erste Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten und so hatten wir schon nach wenigen Tagen erstes Material zusammengetragen. Auch ein Zeitzeuge war bereits gefunden.

Worin bestand eigentlich die Aufgabe?

Dies wollten wir finden:

- Zeitzeugen

- Bild- und Schriftmaterial

- die genaue Absturzstelle der Maschine

- den genauen Landeort von James

- den Weg von James bis nach Aue.

Bekanntlich ist der Weg das Ziel und wir hatten sofort den Finger auf der Wunde.

Hier der Reihe nach:

Anruf im Stadtarchiv Zwickau: negativ

Anruf im Militärhistorischen Museum Dresden: negativ

Zahlreiche weitere Anrufe: negativ

Rückruf Klaus: in der LPDZD in Dresden liegen über 1000 Luftbildaufnahmen von 1945

Kontaktaufnahme: positiv, erste Bilder bereits erhalten

Rückruf Raik: Zeitzeuge gefunden. War selber Pilot. Treffen mit Don vereinbart

Internetrecherche: erste Treffer

Rückruf Silke: Historiker aus der Region (Herr Peschke) gefunden, Treffen vereinbart.

Rückruf Silke: umfangreiches, äußerst wertvolles Material erhalten

Telefonmarathon: weitere Informationen und Zeitzeugen gefunden

Stand der Ermittlungen

Zeitzeugen

Wir haben einen Zeitzeugen sicher, der selber Pilot war und in der Zeit dort geflogen ist. Wir haben bereits ein Treffen mit ihm am 21. Januar vereinbart.

Zwei Zeitzeugen, die das Geschehen „hautnah“ miterlebt haben (siehe Absturzstelle und Sonstiges).

Bild- und Schriftmaterial

Wir haben umfangreiches Material zusammengetragen. Dazu gehören drei Bücher von Herrn Norbert Peschke über die Kriegstage in Zwickau. In einem der Bände gibt es auch ein Kapitel über den Abschuss der Maschine von James (worin er auch namentlich erwähnt ist). Darin sind auch zwei Fotos der abgestürzten Maschine enthalten. Herr Peschke hat uns weiteres Material zur Verfügung gestellt, welches Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen ist. Ein Treffen mit Herrn Peschke am 21. Januar ist vereinbart

Wir haben mehrere Luftbilder von der Region aus dem Jahr 1945, Karten- und Bildmaterial sowie aktuelle Luftaufnahmen von den Orten des Geschehens.

Dazu kommen verschiedene Auszüge aus diversen Unterlagen, Aussagen von Zeitzeugen, Informationen zu den betroffenen Orten und entsprechende Fotos dazu.

Absturzstelle der Maschine

Wir haben die Absturzstelle bis auf einen Meter genau ermittelt. Die Stelle wurde anhand einer vorliegenden Flurkarte festgestellt und mit verschiedenen Luftbildaufnahmen abgeglichen. Wir haben diese Stelle mit Karten- und Luftbildmaterial dokumentiert.

Das Flugzeug ist in einen Vorgarten der Friedrichsgrüner Straße 41 in Silberstraße gestürzt. Am Haus sollen heute noch Spuren zu sehen sein. Der Besitzer, ein älterer Herr, wohnt noch dort.

Raik hat Herrn Krödel besucht. Er hat als Kind den Absturz hautnah miterlebt. Als der Flieger runter kam, ist er mit seinem Vater in den Kohlenkeller gerannt. Dann floss brennendes Kerosin in den Keller…

Herr Krödel sucht auf dem Dachboden die Fotos heraus. Ein Treffen vor Ort ist für den 21. Januar fest vereinbart.

Landeort von James

Anhand der vorliegenden Informationen wurde das Territorium gecheckt. Nach umfangreichen Recherchen in diversen Medien, Befragungen von Ortskundigen usw., blieben am Ende nur zwei Waldstücke übrig. Eines in der Nähe von Vielau und eines in der Nähe von Silberstraße.

Da die Maschine in Silberstraße herunter kam, war der Vielauer Wald eindeutig als Landestelle von James identifiziert. Die Stelle wurde mit Karten- und Luftbildmaterial dokumentiert.

Ein Fototermin steht bereits im Programm.

Der Weg von James nach Aue

Anhand der vorliegenden Informationen wurde das Territorium gecheckt. Die „kleine Stadt“ wurde eindeutig als Wilkau-Haßlau identifiziert. Es gibt in der näheren Umgebung keine andere Stadt mit Bahnanbindung. Wilkau-Haßlau liegt zudem unmittelbar am Lauf der Zwickauer Mulde.

Eine kleine Dokumentation mit Karten-und Bildmaterial liegt vor.

Der Bahnhof in Aue und die Strecke von Zwickau

Der Bahnhof in Aue existiert nicht mehr. Trotzdem konnten noch zahlreiche Fotos vom Bahnhof und auch von der Bahnstrecke Zwickau – Aue beschafft werden. Diese befinden sich, wie das übrige Material, in einem prall gefüllten Ordner, den wir für Don zusammengestellt haben.

Steffen wird sicher am Samstag auch seinen Beitrag dazu leisten.

Sonstiges

Am relevanten Tag stürzte ein deutscher Jäger bei der Autobahnbrücke in Schedewitz ab. Er fiel in das Spitzdach eines Hauses in der Nähe. Das Haus steht noch, hat allerdings heute ein Flachdach. Ein Fototermin steht im Programm.

Es wird nachberichtet.

Das Flugzeug:

Typ:Boeing B-17-G-BO „Flying Fortress“
Flugzeugnummer:337818
Datum der Auslieferung:26.05.1944
Abgeschossen:20.07.1944  über Zwickau durch feindliche Flugzeuge
Zugehörigkeit:Bombergruppe 91, Bomberstaffel 322
Basisstützpunkt USA:Kearny           04.06.1944
Grenier          17.06.1944
Station England:Bassingbourn          19.07.1944
Besatzung:9 Mann
Schicksal:7 POW Prisoner of War (Kriegsgefangene); 2 KIA Killed in Action (getötet)

Die Besatzung:

NameFunktionSchicksalHerkunft
Lt. Charles T. WelbyPilotKIAChicaco IL
Lt. Max E. BenderCo-PilotPOWMuncle IL
2. Lt. James W. Oye jr.NavigatorPOWNew York NY
Lt. James M. MountsBombenschützePOWGolden Gate IL
Sgt. Norman W. Ingramob. RumpfschützePOWWichita KS
Sgt. Ernest C. Keene jr.FunkerKIAMansfield LA
Sgt. Byron E. Burginu. RumpfkugelschützePOWNew Orleans LA
Sgt. Karl P. Dzladulare. RumpfschützePOWPalatina IL
Sgt. Fred A. CasoaneHeckschützePOWFocestville CT

A trip into history – Das Schicksal von James Monroe Mounts
(Teil II)

 
“Ä bissl schnell, ä bissl hoch und ä bissl feiche – dann kommste de ooch widder heem” (Hans Klecha).

Die Focke Wulf FW 190 geht im Steilflug nach oben. 6000 Meter, 2000 Meter über den feindlichen Bombern. Dann geht alles ganz schnell.

Der deutsche Jäger stürzt sich mit 800 Km/h fast senkrecht auf die gegnerischen Flieger. Feuer aus allen Rohren und dann unten durch.

So, oder so ähnlich muss es gewesen sein, an diesem 20. Juli 1944 über Zwickau.

Bevor ich über unser Treffen berichte, hier noch einmal die (korrigierten) Fakten:

Die Maschine von James M. Mounts wurde am 20.07.1944, 11:10 Uhr, höchstwahrscheinlich von Leutnant Bretschneider (die „Rote 1“), über Zwickau schwer getroffen. Während sich sieben Crew-Mitglieder mit dem Fallschirm retten konnten, versuchten Pilot Welby und Funker Keene eine Notlandung. Die Maschine brach auseinander. Die Flugzeugteile stürzten im Umkreis von mehreren Kilometern im Raum Reinsdorf / Vielau zu Boden.

Die verkohlten Leichen von Welby und Keene wurden geborgen und auf dem Friedhof in Vielau notdürftig bestattet. Später wurden sie durch die Amerikaner exhumiert und nach Amerika überführt. Dort fanden sie ihre letzte Ruhe.

Das Treffen

Endlich war es soweit.

Donald und Nicole hatten ihr Hotel in Mülsen bezogen und die Zwickauer „Ermittler“ machten sich auf den Weg dort hin. Es sollte ein sehr emotionales Treffen werden.

Ich möchte an dieser Stelle Don zitieren:

„An diesem Tag haben sich ein Amerikaner und fünf Deutsche getroffen.  Und seit diesem Tag sind sie Freunde“.

Endlich konnten wir auch unsere Unterlagen übergeben. Sehr viel hatten wir in den letzten Wochen zusammen getragen, nicht wissend, ob auch alles den damaligen Ereignissen tatsächlich entsprach.

Aber (fast) alles war korrekt recherchiert und aufbereitet. Den Rest mussten die Gespräche mit unseren Zeitzeugen bringen. Und so sollte es dann auch sein…

 Unser erstes Treffen in Mülsen:

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 links Don, Mitte Nicole, rechts Silke

in der Mitte Raik

An diesem Abend hätten wir noch lange sitzen und reden können. Aber ein anstrengender Tag stand bevor…
Der Freitag begann mit einem kurzen Besuch der Mauritius Brauerei in Zwickau und einem kurzen Abstecher zum Fernblick. Leider war die Sicht an diesem Tag nicht so gut.                                                                

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Für 11.00 Uhr war unser Treffen mit einem Zeitzeugen auf dem Flugplatz in Zwickau angesetzt. Eine Zeitreise in die Geschichte

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Hans Klecha war mit 19 Jahren einer der jüngsten Jagdflieger der deutschen Luftwaffe. Mit seiner Focke Wulf Fw 190 kämpfte er über Frankreich und erzielte dabei fünf Luftsiege.

Am 22.12.1944 wurde er abgeschossen, konnte sich aber mit dem Fallschirm retten. Bis 1946 war er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Bis zu seiner Pensionierung war er Flugkapitän bei der INTERFLUG und nebenbei als Fluglehrer tätig.

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Obwohl Hans gerade erst einen schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, stand er uns Rede und Antwort und berichtete aus seinem turbulenten Leben.

Vielen Dank noch einmal an Hans Klecha und alles Gute.

Nun ging es zum Treffen mit Herrn Peschke, unserem Historiker, Journalisten und Buchautoren. Zuvor hatte Silke noch sehr liebevoll einen kleinen Imbiss für uns alle vorbereitet.

Da es inzwischen doch ziemlich kalt geworden war, verkürzten wir unseren Aufenthalt am Vielauer Wald, der Landestelle von James.

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Unser nächstes Ziel war die Absturzstelle einer B 17 aus der Staffel von James in Silberstraße. Der Besitzer, Herr Siegfried Krödel, hatte uns im Vorfeld einige Bilder der abgestürzten Maschine übergeben, die wir in die Unterlagen für Don eingearbeitet hatten.

Zuvor gab es jedoch noch einen kurzen Stopp an der Schedewitzer Brücke. An dieser Brücke ist Uffz. Jeworrek mit einer Fw 190, beim Versuch einer Notlandung, an den Bogenstein geprallt und dann in das darunter liegende Haus der Familie Graupner gestürzt. Das Haus steht heute noch:

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1944

2011

Herr Krödel erwartete uns bereits. Da unser Tross nun schon auf 8 Personen (Don und Nicole, Silke, Raik und ich sowie Herr Peschke und zwei Vertreter der Freien Presse) entschlossen wir uns, das Gespräch draußen zu beginnen und zunächst einige Fotos zu machen.

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Herr Krödel berichtete ausführlich und sehr anschaulich über die Ereignisse am 20. Juli 1944 in Silberstraße.

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Demnach stürzte die amerikanische B 17 gegenüber des Hauses in einen Hang und rutschte dann auf das Haus zu. Die Maschine, der Garten und das Haus brannten lichterloh und immer wieder explodierten Brandbomben. Irgendwie gelang es der Familie und Nachbarn dann doch, das Feuer zu löschen. Ein Wunder, dass damals niemand ernsthaft verletzt wurde.

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Von Herrn Krödel erfuhren wir dann, dass die Maschine leer war und die Crew vorher komplett mit dem Fallschirm abgesprungen war. Also blieb nur noch die Maschine übrig, die in der Flur Reinsorf / Vielau, in der Nähe der Wilhelmshöhe abgestürzt war (siehe oben).
Der Tag klang im Schützenhaus in Wilkau-Haßlau in gemütlicher Runde aus

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Am Samstag hat dann Steffen übernommen und unseren Gästen Aue gezeigt.

Schade, dass es mit unserer Überraschung für Don nicht geklappt hat. Er sollte nämlich fliegen. Leider hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben …

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an unsere „Scouts“ Silke und Raik, unsere Zeitzeugen Hans Klecha und Siegfried Krödel, an Steffen Döbrich und an Herrn Norbert Peschke. Herr Peschke hat übrigens viele interessante Bücher über die Region geschrieben.

Danke auch an die beiden Vertreter der Freien Presse (Artikel erscheint am 29.01.11 in der FP) und an alle, die dieses Treffen ermöglicht haben.

Joachim Blitz, IPA Zwickau


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